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Handbuch des fiktiven Films

 

Handbuch des fiktiven Films; Foto: Yuki Terasaka
Vorwort

Wozu solle man einen Roman schreiben, fragte Jorge Luis Borges, wo man doch ebenso gut eine Inhaltsangabe schreiben könne. Dieser Satz (der so ernst vielleicht auch wieder nicht gemeint war) wird wahrscheinlich zu oft zitiert – aber er trifft eine Wahrheit, und zwar nicht die, dass Romane überflüssig wären, sondern die, dass die Beschreibung eines fiktiven Werkes in einem realen Werk eine Illusion von Reichtum und Vollständigkeit erzeugen kann, die weit über die wenigen Sätze hinausgeht, die ihr zugrunde liegen. Wir sind ja auch im sogenannten echten Leben gewöhnt, Leerstellen auszufüllen – jemand sagt ein paar Sätze über das Buch, das er gerade liest, und wir machen uns sofort eine plastische Vorstellung. Unser Bewusstsein ist ein Puzzlespieler, der nie alle Teile zur Verfügung hat, denn die Wirklichkeit, in der wir uns bewegen, ist uns ebenfalls nur unvollständig gegeben – wenig nehmen wir tatsächlich wahr, das meiste lassen wir als flüchtige Skizze stehen. Daraus folgen zwei Dinge: Erstens, wir sind nicht wirklich in der Welt. Wir bewohnen eine zweitklassige, löchrige Kopie von ihr, ein wackliges Modell. Und zweitens, die Kunst kann es getrost bei der Andeutung belassen; denn auch die Wirklichkeit kommt schließlich selten über Andeutungen hinaus. Aus Andeutungen in Worten lassen sich also schnell Bilder und Bücher zaubern – und eben Filme. Was Lukas Sonnemann in seinem Handbuch nachzeichnet, ist die funkelnde Geschichte unzähliger Filmwerke, die nie existiert haben. Die Absichten hinter diesen Erfindungen sind unterschiedlich. Oft sind sie satirisch, manchmal ein zweckfreies Spiel – in vielen Fällen aber, und hier muss man natürlich die Simpsons nennen, die Sonnemann mit Akribie ausgewertet hat, dienen sie der Bereicherung einer erfundenen Realität durch eine zweite Ebene, gewissermaßen also der Erschaffung von Träumen im Traum. Der entscheidende Moment in der Frühzeit der Simpsons war wohl jener, als den Autoren auffiel, dass man in einer gemalten Welt nie an die bestehenden Verhältnisse gebunden ist – in einem gemalten Fernsehapparat können erfundene Sendungen laufen, auf gemalten Plakaten erfundene Filme beworben werden, von denen man wiederum jederzeit einzelne Szenen zeigen kann; eine Zeichentrickserie kann ihre Welt jederzeit in alle Richtungen öffnen, in einen Kosmos, der sich hinter, über und unter ihr wölbt. All die vielen hundert witzigen und hochoriginellen Erfindungen, die das bewerkstelligen, kann man dank Sonnemanns Arbeit nun im Detail betrachten. Dieses Buch ist real. Es lohnt sich, das klar zu sagen, denn während man es liest, kann einem leicht der Sinn für die solide Wirklichkeit abhandenkommen. Es handelt von erfundenen Dingen, aber es ist selbst echt, es wurde gedruckt, es hat keine leeren Seiten, es ist keine Fälschung, und wo man es aufschlägt, ist es voller lesenswerter Sätze. Es ist ein echtes Buch über Werke, die man leider nie wird sehen können. Immerhin aber kann man dieses Handbuch der fiktiven Filme nun lesen. Und näher wird man all diesen schönen Werken der Filmgeschichte aus einem parallelen Universum auch nie kommen. (Daniel Kehlmann)
Künstlerische Bachelor-Arbeit, 2016
Künstler/in:
Lukas Sonnemann
Lehramtsstudium an der HFBK seit 2011
Abschluss 2016
Website: http://www.lukassonnemann.com
Betreuung HFBK:
Prof. Thomas Demand, Prof. Dr. Michaela Ott
Studienschwerpunkt:
Bildhauerei
Kategorie:
Grafik > Buch/Publikation