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Scheingaranten

Katastrophische Titelbilder als »visuelle Tropen« 

Titelbild der Süddeutschen Zeitung vom 6. Januar 2010
Titelbild der Süddeutschen Zeitung vom 2. Oktober 2009
Titelbild der Süddeutschen Zeitung vom 27. November 2007
Kaum etwas wirkt selbstverständlicher als ein Zeitungsfoto. Es ist ebenso alltäglich wie ein Handy-Schnappschuss, es erscheint unmittelbar und ist zugleich hypermedial. Behaftet mit dem »Mythos des Authentischen« und einer »mythischen Aura von Neutralität« verbirgt es sein Hergestellt-Sein. Dabei ist Fotografie in der gegenwärtigen Landschaft der Diskurse keinesfalls unmittelbar oder eindeutig, sie ist radikaler Zweifel an der Evidenz des Sichtbaren und zugleich seine emphatischste Fürsprecherin. Vor dem Hintergrund dieser zwiefaltigen Ambivalenzen (im Bild selbst, wie im Diskurs) werden katastrophische Titelbilder als fotografische Dokumente zwischen Ereignis und Bildtradition in den Blick genommen.

[...]

Zwischen Bild und Begriff wie Produkt und Prozess lassen sich Titelbilder als intermediale wie interpicturale Gemische verstehen, die als schlagkräftige Bildtypen mit ikonografischem Potenzial« ebenso viel Vertrautes und Bekanntes wie Fremdes und Unbekanntes aufweisen. Als Schlagbilder ihren textlichen Verwandten ähnlich, vermögen sie sich prägnant und prägend in die kollektive wie individuelle Wahrnehmung einzuschreiben. Als »visuelle Tropen« gelesen, tendieren diese Bilder, in Anlehnung an die Bedeutung in der Rhetorik, zu visuellen Metaphern, die über ein Abbilden des konkreten Raums hinaus Werte wie Hoffnung, Angst usw. vermitteln können. Informationspolitisch einsetzbar als »Scheingaranten einer hypothetischen Wahrheit«, vermögen sie den kollektiven gesellschaftlichen Vorstellungsraum zu affizieren.

[...]

Damit ein Bild / Dokument als mögliche Wahrheit angenommen und als wahrhaftig angesehen werden kann, muss es glaubwürdig sein. Erfahrungsgemäß glauben wir zunächst einmal das, was wir kennen oder uns zumindest bekannt vorkommt, während wir dem Unbekannten eher mit Misstrauen begegnen. Vor dem Hintergrund der »Figur der Remediatisierung« stellt sich die Frage, inwiefern tradierte Bildmotive im Zitieren zum (bewussten wie unbewussten) Wiedererkennen führen und damit die Glaubwürdigkeit eines Dokuments derart verstärken, dass wir es als »echt«, als etwas, »waswahrseinkönnte « annehmen. Ein als unmittelbar erfahrbarer Echtheits- bzw. Wahrheitseffekt würde so gesehen als hypermedialer »Akt der Beglaubigung« im Zitieren tradierter Bildmuster und -fragmente entstehen (können).

[...]

Titelbilder können nicht betrachtet werden, ohne dass sie die Erinnerung an andere Bilder wachrufen, die gemeinsam mit ihnen ins Bildgedächtnis eingehen. Diese anderen Bilder erweitern die scheinbar objektive Dokumentation der Fotografien um eine offen subjektive Perspektive und verweisen so auf ein anteilig Subjektives in der Fotografie selbst. Dieses Wechselverhältnis spiegelt sich in der Relation von codiertem Wiedererkennen und individuellem Wahrnehmen, kollektivem Bildgedächtnis und subjektivem Vorstellungsraum, dem Verhältnis also von »visuellen Tropen« und einem »Optisch-Unbewussten«.

(Auszüge aus der Master-Thesis)
Master-Abschlussprojekt, 2010
Künstler/in:
Jana Seehusen
Master of Fine Arts an der HFBK seit 2008
Abschluss 2010
Website: http://www.janaseehusen.com
Betreuung HFBK:
Prof. Dr. Hanne Loreck, Prof. Dr. Michaela Ott, Prof. Eske Schlüters
Studienschwerpunkt:
Theorie und Geschichte
Kategorie:
Kunstgeschichte/Kunsttheorie > Sonstiges
Kunstgeschichte/Kunsttheorie > Medientheorie
Fotografie > Sonstiges